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Zehentstadel - Instandsetzung aus Sicht der Denkmalpflege

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Die Ortsmitte der Stadt Hemau wird topographisch beherrscht von der Pfarrkirche mit ihrem imposanten Turm. Im Südosten, zum Stadtplatz hin, liegt als zweiter wichtiger Baukomplex das Rathaus. Südwestlich der Kirche, durch das Propsteigaßl mit dem Marktplatz verbunden, begegnet uns die dritte, für die Geschichte Hemaus bedeutende Baugruppe. Das eindrucksvolle Propsteigebäude des Klosters Prüfening bildet dabei den optischen Abschluss der Gasse, während der zugehörige Zehentstadel rechts davon, zwischen Gasse und Kirchhof gelegen ist. Kirche, Rathaus und die Propstei von Prüfening definieren zusammen das historische Kräftedreieck in der Stadtmitte Hemaus.

Der Zehentstadel ist ein langgestreckter Massivbau aus Bruchsteinmauerwerk. Die beiden ungeteilten Lagergeschosse besitzen als statisch erforderliche Stützkonstruktionen ein Holzständerwerk mit jeweils kräftigen Unterzügen unter den die Deckenlast tragenden Geschossdeckenbalken. Das eindrucksvolle, offene Dachtragwerk ist als Kehlbalkendachtragwerk konzipiert und besitzt zwei liegende Stühle mit Diagonalaussteifungen. Während das Hauptgebäude der Prüfeninger Propstei als Verwaltungs- und Amtsgebäude mit entsprechend aufwändiger Fassadendekoration mit Pilastergliederungen und Fensterumrahmungen sowie einem hervorgehobenen Eingangsportal ausgezeichnet ist, zeigt sich der zugehörige Zehentstadel als Lagergebäude in seiner Außenerscheinung entsprechend schlicht und kraftvoll. Dennoch gibt es auch hier Zierformen, welche durchaus bemerkenswert sind. Die Gebäudeecken sind mit aufgeputzten und grobstrukturierten Eckquadern betont, die die schmale und hoch aufsteigende Giebelfront zur Gasse hin kraftvoll einrahmen. Entlang der zum Ortgang und den Traufen vermittelnden Gesimse ziert ein sog. „laufender Hund“ als gemaltes Ornamentband den jeweils oberen Fassadenabschluss. Das mittig in der Giebelfassade gelegene erdgeschossige Rundbogentor besitzt ein Natursteingewände. Ebenso die Ladeöffnungen und die sparsam gesetzten Fenster im Obergeschoß.

Nachdem es im Verlauf der Neunzigerjahre dank der Bemühungen der Stadt Hemau gelungen war, das zuletzt ungenutzte Hauptgebäude der Propstei durch Umbau und Nutzung als städtisches Verwaltungsgebäude (Neues Rathaus) wieder mit Leben zu füllen und sorgfältig instand zu setzen, stellte der seit langem nicht mehr genutzte Zehentstadel über viele Jahre eine ernste Herausforderung für alle an der Zukunft des Gebäudes interessierten Gruppen dar. Dass dabei Handlungsbedarf gegeben war, zeigten nicht zuletzt die Schäden, welche mehr und mehr sichtbar wurden. Im Bereich der Fundamente hatten Zonen mit starker Durchfeuchtung zu Einbußen am Tragverhalten geführt. Das Dachtragwerk war vor allem im Bereich der Traufpunkte erheblich in Mitleidenschaft gezogen und bedurfte dringend einer fachgerechten Instandsetzung. Im Hinblick auf die sparsam eingesetzten Zierformen wie etwa der Eckquaderungen sowie den Gesimsen und dem Ornamentband des „laufenden Hundes“ war auch der Erhalt der nur noch in Resten vorhandenen historischen Putzfragmente aus denkmalpflegerischer Sicht erforderlich.

Allerdings war an eine derartige Instandsetzung ohne ein tragfähiges und dem Gebäude angemessenes Nutzungskonzept nicht zu denken. Planungen und Studien waren zunächst über skizzenhafte Überlegungen nicht hinausgekommen. Aus denkmalpflegerischer Sicht war es für jegliche Konzeption von Bedeutung, dass das insgesamt geschlossen wirkende Äußere des Stadels nicht etwa durch zusätzliche Fenster- oder Türöffnungen verändert würde. Im Inneren sollte eine Nutzung gefunden werden, welche auf Unterteilungen der nur durch die Holzstützen geprägten offenen Lagergeschoße verzichten konnte. Auch das Dachtragwerk sollte im Falle einer Neunutzung der Dachgeschoßebene sichtbar und erlebbar bleiben.

Aus denkmalpflegerischer Sicht ist es als Glücksfall anzusehen, der ohne das beharrliche Engagement der Stadt Hemau undenkbar gewesen wäre, dass es nach jahrelangen Vorbereitungen letztlich zu einer großangelegten städtebaulichen Neukonzeption im Bereich zwischen dem Propsteihauptgebäude, der Kirche und dem Alten Rathaus am Stadtplatz kommen konnte, in der auch der Zehentstadel eine hervorragende Rolle zugewiesen bekam.

So stellte die Gesamtinstandsetzung des Stadelgebäudes nur einen Abschnitt im Zuge dieser Gesamtidee eines weitgehend durch öffentliche Nutzungen geprägten Kernbereichs der Stadt dar. Der Stadel sollte künftig als Veranstaltungsort, Archiv, Bibliothek und als Versammlungsort für den Stadtrat genutzt werden. Diese Funktionen sind sinnvoll den verschiedenen Geschossen des Gebäudes zugeordnet und hervorragend geeignet, die den Zehentstadel prägende großzügige Raumdisposition auch künftig anschaulich und erlebbar zu erhalten. Um die für das Baudenkmal so hervorragend geeigneten Nutzungen auch ohne teilende Eingriffe in die jeweils offenen Geschoßgrundrisse verwirklichen zu können, mussten alle erforderlichen Nebenräume und Verkehrsflächen außerhalb des Stadels selbst untergebracht werden. Hierzu bot sich auch aus denkmalpflegerischer Sicht sowie in städtebaulicher Hinsicht die östlich des Stadels durch Abbruch eines baufällig gewordenen weiteren Stadels entstandene Brachfläche an. Die erforderlichen Nebenfunktionen (Foyerzonen, Sanitärbereiche etc.) wurden daher konsequent durch das beauftragte Architekturbüro Naumann städtebaulich geschickt in einem neben dem Stadel zu errichtenden Neubau geplant. Dieser Neubau übernimmt dabei nicht nur die für das Nutzungskonzept erforderlichen Nebenräume, sondern er stellt auch den für die Wirkung der Propsteigasse vom Rathausplatz her wichtigen Ersatz für den an gleicher Stelle früher vorhandenen Stadel dar. Nur diese Konzeption konnte dazu führen, dass im historischen Stadelbau denkmalunverträgliche Kompromisslösungen nicht eingegangen werden mussten.
Zur Vorbereitung der Instandsetzung des historischen Stadels wurde zunächst ein Aufmaß erstellt, das nicht nur alle Grundrisse, Schnitte und wesentlichen Details erfasste, sondern auch durch genaue Darstellung der konstruktiven Feinheiten mit dazu beitrug, das Gebäude so zu verstehen, dass eine denkmalverträgliche Ausführungsplanung für die an der Instandsetzung beteiligten Firmen möglich wurde. Eine restauratorische Befunduntersuchung der Putzreste an den Außenfassaden brachte wichtige Erkenntnisse für das ursprüngliche Aussehen des Gebäudes und wurde schließlich zur Grundlage für das jetzt realisierte Farbkonzept.

Im Zuge der Gesamtinstandsetzung standen aus denkmalpflegerischer Sicht im Wesentlichen die Instandsetzung der Fundament- und Mauerwerksbereiche an. Darüber hinaus bildete die Reparatur des Dachtragwerks den zweiten Schwerpunkt der Arbeiten. In geringerem Umfang kamen Arbeiten zur Sicherung und zum Erhalt der erhaltenen Reste von teilweise bemalten Originalputzen hinzu.

Während sich die Instandsetzung der Holzständerkonstruktionen in den beiden Hauptgeschoßen nicht übermäßig schwierig gestaltete, war die notwendige Fundamentinstandsetzung und das Egalisieren des früher zum Kirchberg hin leicht ansteigenden Erdgeschoßniveaus zuletzt eine echte Herausforderung an den Architekten. Umfangreiche Arbeiten sowohl zum Abtrag anstehender Felsuntergründe wie auch zur sicheren Unterfangung der nur wenig tief reichenden ursprünglichen Fundamente waren erforderlich, um das Erdgeschoß mit einem gegenüber dem historischen Niveau tiefer liegenden Bodenniveau herstellen zu können. Aus der fachlichen Sicht der Denkmalpflege sind diese Eingriffe künftig an den Holzstützen im Erdgeschoß klar ablesbar. Dort wurde, um den ursprünglichen Bestand nicht zu verfälschen, auf eine Verlängerung der Stützen bis zum künftigen Bodenniveau bewusst verzichtet. Statt dessen sitzen die originalen Holzstützen künftig auf entsprechend zugerichteten Natursteinbasen. So kann klar abgelesen werden, dass das künftige Bodenniveau tiefer liegt, als ursprünglich.

Das Dachtragwerk wurde zimmermannsmäßig instand gesetzt und lediglich repariert. Die defekten Fußpunkte der Sparren- und Zerrbalkenkonstruktion wurden entsprechend der ursprünglichen Konstruktion wieder hergerichtet, ohne dass zusätzliche Hilfskonstruktionen eingebaut werden mussten. So präsentiert sich das Dachtragwerk künftig wieder so, wie es ursprünglich für das Gebäude geplant und ausgeführt worden war. Dem gassenseitigen Giebel zugeordnet konnte in der zweiten Dachebene noch die historische Windenkonstruktion für den Lastenaufzug repariert und erhalten werden. Die Nutzung als Sitzungssaal für den Stadtrat ermöglichte es auch, auf eine deutliche Verbesserung der Tageslichtverhältnisse gegenüber dem Vorzustand zu verzichten. Die ursprünglich vorhandenen gut proportionierten Gauben wurden lediglich behutsam um größengleiche zusätzliche Gauben in der oberen Dachebene ergänzt.

Das Äußere des Stadels konnte aus denkmalpflegerischer Sicht unter Beibehaltung des ursprünglichen Charakters eines Funktions- und Lagergebäudes ansprechend instand gesetzt werden. Das besondere Augenmerk galt dabei zunächst dem Erhalt der Ornamentbandreste an den Gesimsen sowie der sorgfältigen Rekonstruktion der stark strukturierten Eckquaderungen. Die Natursteingewände der Fenster und des Eingangstores wurden soweit erforderlich gereinigt und repariert. Das Eingangstor selbst wurde instand gesetzt und durch eine Aufdoppelung verstärkt.

Für die Farbgestaltung der Fassaden konnten Ergebnisse der Befunduntersuchung herangezogen werden. So zeigt sich das Gebäude jetzt mit den kräftig dunkel gefassten Eckquadern und dem zweifarbigen Ornamentband des „laufenden Hundes“. Die Putzflächen wurden in einem warmen, hellen Grauton getüncht, welcher dem Erscheinungsbild eines ungefassten Kalkputzes sehr nahe kommt. Das mit roten Biberschwanzziegeln gedeckte Dach wird - wie vorher - sparsam durch die wenigen Gauben akzentuiert, wobei die zusätzlichen Gauben in der zweiten Dachebene die Großzügigkeit der Dachflächen nicht beeinträchtigen.

Der Zehentstadel zeigt sich künftig weitgehend in seiner äußeren Erscheinung so, wie er im 17. Jahrhundert konzipiert wurde. Zusammen mit dem ockerfarbigen Hauptgebäude der ehemaligen Prüfeninger Propstei ist damit seit langem erstmals wieder diese für Hemau nicht unwichtige Gebäudegruppe in einer stimmigen Zusammenschau erlebbar.

Einen aus denkmalpflegerischer Sicht besonderen Aspekt stellt im Rahmen der jetzt abgeschlossenen Instandsetzung die notwendige Anbindung des Stadels an den daneben liegenden Neubau dar. In städtebaulicher Hinsicht wurde das Vorhaben konsequent durch einen schmalen Verbindungsbau gelöst, der einen ausreichenden Abstand zwischen dem Stadel und dem Neubau sicherstellt. Zur Unterstreichung der verbindenden Funktion und zur besseren Unterordnung dieses Verbindungsbaus ist dieser als transparente Stahl-Glas-Konstruktion konzipiert. Für den Stadel selbst bedeutete diese Lösung jedoch, dass in den beiden Hauptgeschoßen sowie im Dachgeschoß für die Anbindung an den Verbindungsbau jeweils Öffnungen aus der Substanz herausgenommen werden mussten. Gemeinsam mit dem planenden Architekturbüro wurde dabei festgelegt, dass diese notwendigen Öffnungen auch als klare Einschnitte sichtbar sein sollten. Das Bruchsteinmauerwerk ist an diesen Stellen durchgesägt und zeigt die klar erkennbaren Schnittflächen. Im Dachgeschoss wurden die erforderlichen Eingriffe ins Dachtragwerk ebenfalls klar als solche sichtbar gelassen.

Allerdings bot der Verbindungsbau auch eine Chance, künftig durch das Dach des Verbindungsbaus geschützt, einen Teil der erhaltenen Außenputzfragmente so sichtbar zu lassen, wie sie die Zeiten überdauert haben. Im Bereich des neuen Treppenaufgangs werden die Besucher künftig die von Witterungseinflüssen geschützten Reste des historischen Außenputzes erleben können. Ein Erhalt von solchen Putzresten außerhalb des Verbindungsbaus war aus Gründen der Festigkeit und der Notwendigkeit einer soliden Neuverputzung nicht möglich gewesen.

Insgesamt kann die jetzt abgeschlossene Gesamtmaßnahme zur Instandsetzung des Zehentstadels einschließlich der Errichtung des zugehörenden Neubaus auch aus denkmalpflegerischer Sicht als äußerst gelungen angesehen werden. Der Zugewinn für die Stadt Hemau ist dabei in mehrfacher Hinsicht spürbar. Zum einen ist nun die ehemalige Propstei des Klosters Prüfening als bedeutende Baudenkmälergruppe der Stadt endgültig instand gesetzt. Zum anderen hat der Zehentstadel mit dem Anbau eine für die Stadt wichtige öffentliche Nutzung erhalten, der ihn wieder ins Bewusstsein der Bürgerinnen und Bürger rücken wird. Und darüber hinaus bildet die Maßnahme den Auftakt für ein insgesamt überzeugendes Konzept zur Neuordnung der Funktionen bis hin zum Alten Rathaus.

Aus der Sicht des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege gilt der besondere Dank der Stadt Hemau, die beharrlich und unermüdlich den langen Weg von ersten Planungsschritten bis zur Realisierung des Vorhabens beschritten hat und die dabei in herausgehobener Weise auch stets den denkmalpflegerischen Anliegen gegenüber aufgeschlossen war.