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Zehentstadel - Bauliches Konzept

Ohne Nutzung kann auch ein Baudenkmal in zentraler Lage im Herzen einer Altstadt nicht erhalten werden. So hat der Stadtrat von Hemau in seinen Fraktionen verschiedene Nutzungsoptionen für den Zehentstadel erarbeitet, diese anschließend gemeinsam diskutiert und dann eine Vorgabe der Nutzungsarten an die Planer beschlossen.

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Das Bauprogramm sollte neben einem ansprechenden Saal für vielfältige kulturelle Nutzungen Raum für eine zeitgemäße Stadtbücherei, einen weiteren auch für Stadtratssitzungen geeigneten Saal und genügend Platz für das Stadtarchiv bieten. Bereits die ersten Planungsschritte zeigten auf, dass hierfür der historische Zehentstadel nicht ausreichend Platz bieten konnte und zudem die Unterbringung von z.B. der vertikalen Erschließung und der Sanitär- und Technikbereiche nicht hinnehmbare Eingriffe in die denkmalgeschützte Bausubstanz bedeuten würden.

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Um dem Raumbedarf sowie den erforderlichen Funktionen einerseits und dem hochwertigen Baudenkmal andererseits gerecht zu werden, musste also ein Erweiterungsbau konzipiert werden, der durch Zusammenlegung der technischen Erfordernisse in letzterem die Eingriffe in historische Bausubstanz und Raumzuschnitte auf ein Minimum beschränken ließ. 

Dieses zusätzlich erforderliche Bauvolumen sollte dem Baudenkmal beigeordnet werden ohne mit ihm zu konkurrieren, es sollte harmonisieren und nicht zu stark kontrastieren, es sollte als neues Bauen in alter Umgebung Maßstäblichkeit in Baukörperzuschnitt, Dachform und Fassadengliederung zeigen und doch nicht historisierend sein.

Der Versuch der Tradierung gewachsener regionaler Bauformen und die Orientierung an der städtebaulichen Grundordnung des 19. Jahrhunderts ließen einen Baukörper entstehen, der schlicht und in zurückhaltender Fassadengestaltung eine klar abgesetzte Ergänzung zum Baudenkmal darstellt.

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Durch die Zurücksetzung des Neubaugiebels aus der Bauflucht des Zehentstadels entsteht eine städtebauliche Staffelung, ein „perspektivischer Blicktrichter“ vom Stadtplatz mit dem Alten Rathaus über die Baugruppe Zehentstadel zum ehemaligen Propsteigebäude und heutigem Rathaus der Stadt Hemau.

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Alter und neuer Baukörper sind nicht direkt aneinander gebaut, zwischen ihnen liegt eine „enge Reihe“, ein Abstand der als verglaster Bereich beide Gebäude optisch trennt und doch funktional verbindet.

Der Zugang erfolgt von Osten her über einen kleinen vorgelagerten Platz, der zum Verweilen einladen soll. Man betritt das Objekt durch den neuen Funktionsbau mit dem großzügigen Foyer, das dem historischen Saal im Zehentstadel vorgelagert ist. Von hier aus führen sowohl eine offene Treppenanlage als auch ein behindertengerechter Aufzug zu allen Geschoßen, Teeküche und Toilettenanlage finden sich am Foyer. Im Untergeschoß wurde das nicht für Publikumsverkehr zugängliche Magazin des Stadtarchivs mit großer Fahrregalanlage untergebracht.

Im verglasten Zwischenbau führt die Freitreppe zum Obergeschoß, das ausschließlich der Stadtbibliothek vorbehalten ist. Der Raum im Neubau beinhaltet Anmeldung, Verbuchung, Computerplätze, Zeitschriftenregal und neue Medien, im großen historischen Raum des Zehentstadels findet die eigentliche Bücherei mit Lesezonen Aufstellung.

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Vom Vorbereich der Bibliothek führt die Treppe weiter in das zweite Obergeschoß des sog. Funktionsgebäudes mit dem Büro des Stadtarchivars, einem Nebenraum sowie einer kleinen Teeküche und Toiletten. Eine verglaste Brücke schafft die Verbindung zum Ratssaal, der im Dachgeschoß des Zehentstadels unter dem mächtigen, bis unter den Dachfirst offenen Gebälk untergebracht ist. Die Belichtung erfolgt hier über Schleppgauben, welche sich in Größe und Lage am historischen Befund orientieren.

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In Planung und Durchführung der Bauarbeiten wurde der historische Zehentstadel als ein sehr wertvolles, weitgehend unverändert gründungsbauzeitlich erhaltenes Instandsetzungsobjekt angesprochen. Dem zufolge musste der Restaurierung der vorhandenen Bauwerksteile bei größtmöglichem Erhalt von Originalsubstanz absoluter Vorrang gewährt werden. So konnten die Holzkonstruktionen von Decken und Dachwerk durch fast unsichtbar eingefügte Stahlteile in ihrer Tragfähigkeit bei weitestgehendem Substanzerhalt wieder hergestellt werden: Historische Dielenböden wurden sorgsam aufgearbeitet und als Deckenuntersicht und Tragelement wieder eingebaut, darüber ein zusätzlicher neuer Bodenaufbau als Verschleißschicht aufgebracht.

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Die vorhandenen Türen, Fensterläden, Fenster und Blockstufentreppen konnten durch subtile Holzergänzung restauriert werden. Fehlende Fenster wurden rekonstruiert und mit zeitgemäßer Verglasung und Dichtung versehen.

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Der Dachraum erhielt eine aufliegende Dämmschale zur Wahrung der signifikanten und prägenden Gestaltungsqualität der Raumschale. Innenputze wurden in großen Partien belassen und restauriert, Fehlflächen in Kalkmörtel ergänzt.

Die Fassadenputze wurden gemäß Befundlage aus baustellengemischtem Mörtel nach Rezeptur erstellt, Putzzierate an Ortgängen und Gebäudeecken restauriert und ergänzt. Der bauzeitliche Originalputz, welcher sich im witterungsgeschützten oberen Wandbereich der Ostfassade erhalten hatte, konnte gesichert und im Bereich des Treppenaufganges als historisches wie gestalterisches Element flächig dargestellt werden.

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Unvermeidbare Eingriffe in die Originalsubstanz wurden nicht geschönt, sondern, wie z.B. bei den neu geschaffenen Durchgängen in den Hauptgeschossen, als klare Substanzeinschnitte gezeigt und mit modernen Materialien wie Stahl und Glas kontrastierend kombiniert. Im Ober- und Dachgeschoß wurde darauf verzichtet das Längsgefälle in der Bodenebene auszugleichen, um nicht Raumhöhe zu verlieren. Lediglich der Saal im Erdgeschoß wurde nachträglich auf ein waagerechtes Bodenniveau eingetieft.

Der zur Erfüllung der Funktionen erforderliche Neubau wurde als schlichter, sich eher unterordnender Massivbau geplant mit Wänden aus Ziegelmauerwerk, Stahlbetonverbunddecken mit sichtbaren Stahlunterzügen, mineralischen Putzen und Zinkblech- Bahnendeckung des Daches.

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Auf historisierende, anbiedernde Gestaltung wurde bewusst verzichtet. Die Eichenholzfenster zeigen eine schlichte, zweckmäßige Gliederung, Türen bieten als ungegliederte Glaselemente einladende Transparenz. Stahl und Glas in moderner handwerklicher Verarbeitung prägen das Erscheinungsbild von Treppenanlage und Aufzug. Die Anbindung des Funktionsneubaus an den historischen Zehentstadel ist großformatig überglast, die Böden und Decken dieser leichten Verbindung zwischen Alt und Neu zeigen Edelstahl-Riffelblech und Rasterbleche.

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Die erforderliche Haustechnik mit zentralen Einrichtungen und Haupterschließung ist soweit als irgend möglich im Neubau untergebracht, um die historische Bausubstanz vor störenden optischen wie substanziellen Eingriffen zu bewahren. Heizelemente und Beleuchtung fügen sich als reversible, nutzungsbedingte Zutaten in das historische Gefüge ein. Die Baugruppe zeigt eine zurückhaltende, fast vornehme Farbigkeit, welche sich an der Befundsituation aus dem Zehentstadel orientiert. Fassaden sind in hellem Grau und Beige gehalten, sie werden akzentuiert vom Naturholzton der Fenster und dem Naturrot der Ziegeldeckung des Zehentstadels.

Das Innere der Gebäude zeigt im historischen Bereich neben dem Kalkweiß der Wände und den unterschiedlichen Naturholztönen von Böden, Decken und Tragwerk lediglich im Erdgeschoß ein kräftiges Ziegelrot im Bodenbelag. Im Funktionsbau zeigen sich Wände und Decken ebenfalls kalkweiß, die Böden der Obergeschosse im Naturton des Eichen-Lamellenparketts, der des Erdgeschoßes in bruchrauem Naturstein. Unterstrichen wird diese schlichte Sachlichkeit durch die in Edelstahl, grau lackiertem Stahl und Glas ausgeführten Aufzugs-, Treppen- und Türanlagen.

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Die Ausstattung der Räumlichkeiten mit Einrichtungsgegenständen beschränkt sich ebenfalls auf Edelstahl bzw. grau lackierten Stahl in Kombination mit naturfarbenem Buchenholz und kraftvollen, blau gehaltenen Flächen, so dass auch hier eine einheitliche, sich durch das ganze Gebäude ziehende Gestaltung realisiert werden konnte.

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